Mann, gönn‘ es mir auch!

Schreibe einen Kommentar
Allgemein

Einige Rollstuhlfahrer*innen saßen an einem warmen Juni zusammen und Bier floss in der Runde. Ich mag kein Bier. Kleinere Grüppchen unterhielten sich laut, auch die persönliche Assistenz ist als Begleitung dabei. Ich war seit wenigen Monaten in meiner neuen Wahlheimat – Deutschland und suchte Anschluss. Ich wollte mich integrieren – in Behindertenslang. Ein junger Mann fiel mir auf. Ein frecher Spastiker. Ich lauschte interessiert seine lockere Unterhaltung mit Männern um ihn rum. Sein Assistent plauderte los und erzählte, wie er den grinsenden Rollstuhlfahrer in den Puff begleitete. Na ja, Männer und deren Bedürfnisse halt, dachte ich und hielt gelangweilt Ausschau nach Frauen, doch irgendwie wollten sie mit mir nichts zu tun haben.

***

Ich bin eine junge Frau mit einer Behinderung und wie in jedem anderen Lebensbereich suche ich einen Weg, mich selbstbestimmt auszuleben. Weder dass ich jung bin noch, dass ich eine Frau und behindert bin, möchte ich als Argument benutzen, um ein Bedürfnis nach Intimität zu begründen. Denn jeder Mensch trägt diese Sehnsucht in sich.

Ich beobachtete länger den folgenden Gedanken: Wie offen kann ich damit umgehen? Wie komme ich dahin, mich als Frau erfüllt zu erleben – mit der Behinderung im Hintergrund?

So hatte entstand die Idee für diesen Text. Ich teilte sie neugierig auf Twitter. Als ich den Kommentar einer Frau las, dass es sicherlich viele Klicks bringt, war Grinsen des Spastikers in meinem Gedächtnis wieder präsent. Er gab sich offen, ohne Scham, befreit von Verletzlichkeit und ohne Unsicherheit quatschte er über den Ausflug und auch sein Assistent machte selbstverständlich mit, als wären sie beste Freunde. Sie waren es aber nicht, sie waren einfach nur Männer – unter sich. Niemand errötete, zeigte prüde Empörung oder sagte bissig „Du hast es aber nötig!“. Dieses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung fiel mir damals nicht auf, jetzt regte es mich aber auf.

Während ich Jahre später nach dem Behindertenstammtisch in vollem Drogeriemarkt einkaufte, hörte ich die Stimme von Margarete Stokowski aus meinen Kopfhörern.

„Leute denken, es gibt weibliche und männliche Sexualität. Ich denke nicht, dass es so was gibt. Man sagt, ein Mann hat sehr starke Triebe. Er muss sie ausleben, sonst wird er aggressiv – man muss es ihm gönnen! Weibliche Sexualität wird dagegen als sehr dunkel, kompliziert und mysteriös wahrgenommen. Man munkelt, Frauen können zwar Spaß am Sex haben, aber man muss sie schon dazu überreden.“

Podcast Deutschland3000 – ‚ne gute Stunde mit Eva Schulz, Folge „Was ist guter Sex?“

Ich sah in derselben Drogerie einige Regale weiter die Amorelie-Sextoys und staunte – ist der Sex in die Mitte der Gesellschaft angekommen oder doch nicht? Warum werde ich aufgrund meines Geschlechts und der Behinderung so behandelt, als müsste ich mich für meine Sexualität schämen, andere aber nicht? Warum kann ein Rollstuhlfahrer ohne jeglichen negativen Kommentar Sex kaufen oder sich für den Anspruch auf Sexualassistenz einsetzen, während von einer Rollstuhlfahrerin angenommen wird, sie muss, bevor sie Sex hat zunächst den besonderen, seltenen Partner kennen lernen, sich ihm öffnen, ihm tiefes Vertrauen schenken und dankbar sein muss, weil er ihren (behinderten) Körper akzeptiert?

***

Ina Rudolph, eine deutsche Schauspielerin, Autorin und Coach beschreibt in ihrem Buch einen Freundinnenabend mit Gläschen Wein. Inas Freundin sehnt sich nach jemanden, mit dem der Sex schön ist. Doch – keiner ist da, das ist die Realität. Ina antwortet darauf:

Also für mich ist es so: Solange ich niemanden habe, mit dem Sex schön ist, kann ich es mir selbst so schön machen, wie es geht. Bis wieder jemand da ist, mit dem es schön ist.“

Im Verlauf des Gespräches äußert die Freundin, dass sie traurig ist und sich bedürftig vorkommt. So möchte sie nicht einem potenziellen Partner begegnen. Negative Gefühle begleiten sie bis zu dem Moment, in dem sie feststellt – es ist bereits jemand da, mit dem es schön sein kann.

***

Ich möchte meinem Partner in der Zukunft auch nicht bedürftig begegnen – vor allem, wenn viele annehmen, bedürftig sein gehört zu einer Behinderung ohnehin dazu! Solange die Gesellschaft mit Urteil und Spott entgegenwirkt, wenn man als Frau nach sinnlicher Erfüllung sucht, wird diese auch nicht in einer Beziehung auf einer Augenhöhe leben können. Ich kann es mir schön machen, wie es mir gefällt, solo oder nicht, in einer Beziehung oder unverbindlich – jeder sollte das frei können – und das fühlt sich gut an. Wenn man einem Mann Sex gegen Geld gönnen kann, dann vielleicht einer Frau etwas selbstbestimmter Erotik auch.  Nun grinste ich dem Spastiker in meiner Erinnerung zurück.

Über Spaziergänge, Erfüllung und Helfersyndrom

Schreibe einen Kommentar
Allgemein

Ich saß gegenüber meiner Assistentin vor einigen Wochen mit einer Tasse Tee. Es war Zeit für ein Feedbackgespräch und ich fokussierte mich mehr als sonst, um präsent zu sein. Gespannt sein ist hier die falsche Bezeichnung dafür, was ich empfand. Ich war neugierig.

Sie fing an. „Ich fühle mich wie eine Maschine, die dazu da ist, dir den Kaffe zu machen und deine Post abzuschicken.“, sagte sie geradeaus. Der Satz verwirrte mich und löste gewisses Unwohlgefühl in mir aus. Es traf mich, doch wusste ich nicht warum. Sie sprach weiter über ihren sozialen beruflichen Hintergrund, aber folgen konnte ich ihr nicht, denn ich war aufgewühlt. Die emotionale Botschaft ihrer Nachricht erreichte mich als ein Vorwurf und gleichzeitig Bedauern. Das Bild wurde klarer – es handelte sich um hinderlich formulierte Wünsche.

***

Aus dem Hörer kam eine freundliche Stimme, ein akustischer Energiebündel. Wird das meine neue Assistentin? Diese Frage war zu klären. In unserem ersten Telefonat sprachen wir über das Konzept der persönlichen Assistenz und was ich als Arbeitgeberin anbiete. Nachdem ich die organisatorischen Rahmbedienungen des Jobs klarstellte, fragte mich die eifrige Stimme „Wie würdest du es finden, wenn ich während der Schicht einen Spaziergang vorschlage?“.

***

Ich öffnete meine E-Mails und lächelte – noch eine Bewerbung für die freie Stelle in meinem Team. Direkt fing ich an zu lesen und blieb bei einer Formulierung gedanklich stehen. „Ich kümmerte mich bereits um eine andere Rollstuhlfahrerin und kann somit Erfahrung als persönliche Assistenz vorweisen.“. Ich kümmerte mich.

***

Eine Weile beobachtete ich die drei Situationen in meiner Erinnerung, nahm ein wenig Abstand und reflektierte die Botschaften dahinter. Ich stellte fest, dass Menschen, die mir helfen möchten, öfters eine Erwartung auf mich projizieren mich betreuen zu dürfen. Sie haben einen tiefen Wunsch einbezogen zu werden, sich einbringen und mitgestalten zu können. Mit ihrer Bereitwilligkeit mich im Alltag zu unterstützen glauben sie automatisch mehr Nähe und mehr Zugang zu einer hilfebedürftigen Person zu erlangen.

Ich möchte mich klar ausdrücken: jemanden zu helfen, um eine unverhältnismäßig große Erfüllung und Freude zu spüren ist falsch. Sich zu vergrößern, verkleinert jemand anderen.

Die Sehnsucht nach Bedeutung möchte ich niemanden abstreiten, ich habe sie auch – aber um etwas beizutragen muss man nicht unmittelbar Leben retten oder Welten bewegen. Spektakulär kann es eh nicht immer sein! Es braucht es auch nicht zu sein. Auch unscheinbare Hilfe ist wertvoll.

Ohnehin ist die Intention etwas bedeuten zu wollen als Beweggrund für einen sozialen Job (und für alles andere, von Partnerschaft bis Besitz) in meinen Augen bedenklich. Jeder einzelne bedeutet etwas, Punkt. Ich glaube daran, dass es nicht notwendig ist jenes oder dieses zu sein oder zu tun, um zu bedeuten.

Persönliche Assistenz ist etwas Besonderes – doch nicht deswegen, weil ich Unterstützung brauche und jemand diese leistet. Mir mehr gut tun zu wollen, als ich es mir wünsche, weil man darin aufgeht und es einen erfüllt – das ist übergriffig. Sich abgelehnt und abgewertet zu fühlen, wenn man als Assistent*in einer behinderten Person schlichtweg nur einen Kaffee zubereiten darf und manchmal nicht mehr – das ist falsch. Ich bin dankbar für die Freiheit, die ich habe und für ein zuverlässiges Assistententeam, aber stehe dadurch nicht in der Schuld mit Augen voller Tränen leise „Danke“ zu sagen, während im Hintergrund die kleinste Violine der Welt ertönt. Ich möchte mich nicht abwerten müssen, damit jemand anders heller scheint.

Ich bin mir dessen bewusst, dass dieser Text und die bestimmte Botschaft negative Gefühle beim Lesen hervorrufen kann. Bedauerlicherweise wenn eine Frau fordert nicht bevormundet zu werden, Grenzen setzt und Verhaltensweisen kritisiert, welche durchaus gut gemeint waren, wird kein Einhorn geboren #Feminist.

Ich erlaube mir unbequem, „kleinlich“ sowie wütend zu sein und lege noch einen drauf:

Kleiner Exkurs in Wording

Möchtest du einer behinderten Person im Rahmen der persönlichen Assistenz auf einer Augenhöhe helfen, achte darauf, dass assistieren nicht dasselbe wie betreuen bedeutet, aber beides die Feinfühligkeit erfordern diese Konzepte trennen zu können.

Auf jemandem aufpassen, sich um jemand kümmern, für ihn (rechtlich) sorgen – das sollte ein Betreuer, somit gehören die Begrifflichkeiten nicht in den Duden der Selbstbestimmung der erwachsenen Assistenznehmer*innen.

Jemanden dienen oder jemanden nützlich sein– diese Ausdrücke sind bezogen auf die Arbeit von Assistent*innen ebenfalls zu meiden und in die andere Richtung abwertend bzw. dominierend.

(Wenn du den Sinn des Genderns verstehst, dann wird dir diese Feinheit zu erkennen wahrscheinlich auch leichtfallen!)

Möchtest du dich als persönliche*r Assistent*in erfolgreich bewerben? Ersetze obige Formulierungen mit unterstützen, assistieren oder begleiten. Gern geschehen!

Wenn wir uns auf einer Augenhöhe begegnen, können wir gemeinsam strahlen.

Tage wie diese

Schreibe einen Kommentar
Allgemein

Ich kann nicht laufen, aber ich kann es laufen lassen – gäbe es eine Kampagne für den Verzicht auf hormonelle Verhütung und ich würde als Rollstuhlfahrerin dabei mitwirken, wäre das mein (zugegebenermaßen) plumper Slogan.

Ich und die Periode… unsere Beziehung ist kompliziert! Lange waren wir fremde bis eine barrierefreie frauenärztliche Praxis uns einander bekannt gemacht hat. Unsere ersten Begegnungen? Aufwändig, geheimnisvoll und lästig. Viel konnten wir miteinander nicht anfangen, auch wenn ich nachvollziehen konnte, warum sie mich besuchen muss. Doch: ich wollte sie nicht in meinem Leben haben.

Die Tage und gleichzeitig eine körperliche Behinderung zu haben – geht das?Auch wenn ich auch eine Frau bin und genauso zartbesaitet werde, wenn die Hormone eskalieren, fühlte ich mich ausgeschlossen. Die Periode stellte sich als die Grenze der tabuisierten Themen rundum der Schwerbehinderung heraus – vor allem Sex haben und eine Familie gründen (wollen). Ausgerechnet das, was mich mit Milliarden Frauen verbunden hat, wurde zu einer Mauer. Dahinter – gefeierte, bewusste Weiblichkeit. Ich war also da, blutete und stelle für mich fest: ich und sie, das wird nichts. Wir gehören nicht zusammen. Ich habe keine Lust gegen dich zu kämpfen, geh bitte!

Trotz des erhöhten Thromboserisiko fing ich an die Pille zu nehmen. Ich war froh, diesen Bereich meines Körpers kontrollieren zu können. Der hygienische Aufwand brachte mir Erleichterung für einige Jahre. Praktisch, praktisch muss es sein! Ich konnte die Frauen, die nicht hormonell verhüten nicht verstehen und dachte nie, dass ich mal dazugehören werde – diesmal aber richtig.

Ich habe die Entwicklung der geheilten Weiblichkeit beobachtet und begegnete immer mehr Frauen, die frei sein (und bluten) möchten und es gesellschaftstauglich machen möchten. Menstruationstassen und Periodenslips symbolisieren diesen Wandel. Und auch mich erreichte der kollektive Wunsch den weiblichen Körper nicht kontrollieren und optimieren zu müssen. Es fühlt sich richtig an, die Pille abzusetzen. Einige Jahre älter und erfahrener bin ich bereit, zu bestimmter Zeit zartbesaitet und angespannt zu sein.  Es gehört nun mal dazu. Ich übe mich darin das Wunderwerk des Körpers zu anerkennen, denn es ist liebenswert. Ich habe auch meinen Weg gefunden, mich darauf vorzubereiten – ein wenig praktisch darf es ja blieben, wenn man im Rollstuhl sitzt.  

Ich und die Periode… werden wir Freundinnen? Das wünsche ich mir. Irgendwie gehören wir doch zusammen, inklusiv.

Wie Grenzen befreien

Schreibe einen Kommentar
Allgemein

Vor einem Jahr hielt ich mein Praktikumszeugnis in der Hand: zufrieden, stolz und doch ein wenig besiegt.

An meinem ersten Tag brachte ich für alle Kolleg*innen aus der Etage selbstgebackene Muffins mit. Typisch eifrig für eine Praktikantin! Offiziell wurde mir wenig zugetraut und übergeben – bisherige Praktikant*innen waren viel jünger als ich und eher zum Schnuppern vor dem Beginn einer Ausbildung da. Ich hingegen war im letzten Jahr meiner Rehaausbildung zur Bürokauffrau. Diese Berufserfahrung brauchte ich! So erledigte ich meine Aufgaben schnell und bewies Fleiß. Meine Pünktlichkeit, Arbeitstempo und mühelose, praktische Einstellung zu Problemen beeindruckten meine Betreuerin. Dann wurde es heiß – der Sommer, einer der heißesten aller Zeiten bahnte sich an. Die Abteilung wurde leerer und Vertretungen fielen krankheitsbedingt aus. Ehe ich mich umsah fuhr ich durch lange Flure mit einem Stapel Akten auf meinem Schoss. Er reichte bis zu meinem Kinn. Ich wurde auch inoffiziell an den Firmenrechner rangelassen und pflegte unbefugt Daten ein. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Dokumente, hergebracht von überbelasteten Kollegen. Es war klar – ich bin die Urlaubsvertretung der Abteilung geworden.

Am Anfang war ich stolz, zig Akten bearbeitet zu haben und dass mir so viel Kompetenz zugetraut wurde. Diese naive Überzeugung, ich werde getestet und muss mich beweisen war meine Motivation. Ich arbeitete mit meiner persönlichen Assistentin gut koordiniert und synchron. Das alles innerhalb fünf Stunden, ohne Pause und ohne eine Möglichkeit auf die Toilette gehen zu können. Trinken war trotz der Hitze des letzten Sommer nicht drin!

Erst die Worte meiner Betreuerin weckten mich aus dem automatisierten Arbeiten auf.

„Sag mal, deine Assistentin… während du am Rechner tippst, könnte sie doch die nächsten Akten holen und fertige wegbringen, oder?“

Ich blickte ruhig zu ihr hin, während sie den Blick auf meine Assistentin richtete. Still zu blieben gab meiner Überforderung auffallend viel Raum. Ich versäumte, wie so oft im Leben, Grenzen zu setzen. 

Nein, ich kann nicht als eine schwerbehinderte Praktikantin in Teilzeit die Urlaubsvertretung der gesamten Abteilung sein. Nein, ich werde den Rechner ohne eine Befugnis der Leitung nicht benutzen und das Risiko eingehen. Nein, ich brauche jetzt Pause, auch wenn einige Akten noch unbearbeitet sind. Nein, ohne einer barrierefreien Toilette, ohne etwas trinken zu können ist arbeiten im Hochsommer nicht zumutbar. Nein, meine Assistentin ist meine Assistentin! Sie unterliegt meinen Anweisungen und wird nicht als eine zusätzliche Arbeitskraft ausgenutzt. All das blieb unausgesprochen.

Mein bisheriges Leben lang fiel es mir schwer anderen und mir selbst „nein“ zu sagen. Ich ignorierte gerne meine Erkrankung und redete mir aus, Ausreden zu benutzen. Warum machst du nicht langsamer und schraubst runter?, fragte mich eine besorgte Stimme. Ich antwortete klar und überzeugt:

Ich möchte über Klischees hinauswachsen, nicht mich dahinter verstecken. Der Maßstab einer chronisch kranken Person ist mir zu wenig.“.

Vor dem Satz „Für eine behinderte bist du sehr fleißig.“ hatte ich fürchterliche Angst und nahm deswegen meine eigene Gesundheit in Kauf, um nicht auf ein Merkmal reduziert zu werden. War das meine Art auszudrücken, dass ich meine Erkrankung nicht akzeptiere? Oder wollte ich anderen und mir selbst etwas beweisen? Oder folgte ich dem Leistungsdruck heutiger Generation? Sind doch Social Media und die Idee eines perfekten Menschen schuld daran?

Klischees kennen wir alle, sie engen einen ein und bilden eine gesellschaftliche Erwartung an eine individuelle Person. Während manche Menschen damit kämpfen, über die Erwartungen hinauswachsen, versuchen andere den kleinen Korn der Wahrheit darin und die simple Realität zu akzeptieren.

Ich wiederum kam zu der Erkenntnis auf die ganz harte Tour: nach sechs Bechern Kaffee und kaum Puls holte mich an einem Nachmittag ein Krankenwagen ab. Ich war zitterig, ängstlich, unruhig, dreifachsehend, hellwach und doch müde. Im Krankenhaus panisch blickte ich rum, versuchte mich zu fokussieren und selbst zu beruhigen, aber auch nicht einzuschlafen. Der Schock des Tages war groß, auch wenn ich ihn nach draußen liebevoll als kleine Dummheit bezeichnete. In meinem Inneren fühlte sich das an wie eine Abmahnung – gerichtet an mich selbst.

Als es vorbei war und ich nach Hause durfte, beschloss ich mehr auf mich aufzupassen. Ich erkannte, dass ich nicht mehr versuchen kann über meine Krankheit hinweg zu arbeiten. Mir einzugestehen, dass ich manches nicht schaffe tat mir weh und sprach das Gefühl der Scham an. Sich mit anderen zu vergleichen trieb mich immer an – damit aufzuhören fiel mir schwer. Trotz der Schwere konnte ich mein Leben nicht an jenem Tag umkrempeln. Es ist schlichtweg nicht möglich, auch wenn heutzutage gerne so ein Wandel als möglich verkauft wird!

Ich musste mich schrittweise selbst überzeugen, loszulassen oder umzudenken. In Zeiten, wo klassische Arbeitszeitmodelle hinterfragt werden liegt die Chance Produktivität anders zu interpretieren. Ich fing damit an Aufgaben zu priorisieren und zu limitieren. Ich verzichtete dabei auf schnelle Kommunikation und lernte wieder mehr E-Mail schätzen. Ich erschuf mir ein Arbeitsbereich in meiner Wohnung, um der Arbeit körperlich auf Abstand gehen zu können.

Grenzen setzten kostet Mut und funktioniert nur dann, wenn man vollkommen zu eigenen Einschränkungen stehen kann. Sich der Scham zu stellen und die Realität anzunehmen erfordert mehr Arbeit, als der größte Aktenstapel. Ich erfreue mich daran nach all den Jahren aufs Neue zu lernen meine Erkrankung miteinzubeziehen – wie eine*n Freund*in, nicht wie eine*n Feind*in. Weniger ist manchmal wirklich mehr.  Innerhalb der akzeptierten Grenzen kann man noch viel Gutes tun!

Aber ein Treffen am anderen Stadtende in zwei Stunden? Ich schaffe es nicht.