Umweltbewusst, hochbegabt und behindert

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Als ich einer neuen Assistentin meine Küche zeigte und erklärte, dass meine Plastikstrohhalme in der Spülmaschine gewaschen werden sollten, staunte sie. „Es ist cool, dass du sie nicht direkt entsorgst!“, sagte sie begeistert.

In einer Millisekunde schleuderte sie mich in die Vergangenheit zurück.  Da, wo ich aufgewachsen bin, wurde der Kunststoffmüll verbrannt. Ich bin mit Plastik groß geworden und betrachtete es als einen selbstverständlichen Stoff. Genauer gesagt, betrachte ich ihn gar nicht. Er war da, von dem Alltag nicht wegzudenken – mal für etwas länger oder doch nur für ein paar Minuten da – als Ohrstäbchen oder Joghurtbecher. Doch die Strohhalme, die ich seit meinem achten Lebensjahr brauchte, wurden nur dann entsorgt, sobald sie löchrig waren. Auch das war für mich selbstverständlich.

Schon als Kind stellte ich gerne unbequeme Fragen.

Mit elf Jahren las ich Literatur über Meditation, erkannte sehr früh die sexistischen Verhaltensstrukturen in meiner Umgebung und belehrte meine liebe Oma, dass Atheisten nicht direkt Satanisten sind, auch wenn es „sich ähnlich anhört“.

Meine besondere Beziehung zu den Naturwissenschaften ließ mich für andere versteckte Schönheit dieses Universums entdecken. Mit einem Mikro- und Teleskop erkundete ich die Welten in meinen vier Wänden – dem einzig barrierefreien Ort in der Reichweite mehrerer Kilometer. Ich war linksgrünversifft, bevor ich wusste, was das bedeutet. Und ich war hochbegabt – auch das verstehe ich erst jetzt.

Als ich noch keinen eigenen Haushalt hatte und nicht selbstbestimmt lebte, ertrug ich das Konsumverhalten der nächststehenden Menschen, doch litt darunter. Im Fernsehen sah ich Bilder aus weit entfernten Ländern – Müllberge, die nie verschwanden, auch wenn man sie nicht mehr wahrnahm, sobald man den Fernseher ausschaltete. Es berührte mich. Nachhaltig.

Wenn ich nun in der Innenstadt bin und neben einen Mülleimer stehe, auf dem ein Kaffeebecher zusammen mit mir auf den Bus wartet, lasse ich ihn entsorgen. Jetzt kann ich das, weil ich die Hände meiner Assistenz zur Verfügung habe. Jetzt kann ich der Umgebung guttun und mir damit auch.

In der Millisekunde kehrte ich zurück in die Gegenwart, in meine Küche und zu meiner neuen Assistentin.  

Ja, ich benutze Strohhalme aus Kunststoff. Meine Eltern schenkten mir neue, als ich mein eigener Haushalt vor vier Jahren gründete. Ich benutze sie so lange, bis sie löchrig werden.

Auf Handschuhe zur Gewährleistung der Hygiene bei pflegerischen Tätigkeiten meiner Angestellten kann ich noch nicht verzichten. Doch suche ich nach Alternativen.

Less Waste, statt Zero Waste.

  • Ich trinke Wasser aus der Leitung und esse weniger Fleisch, dafür mal vegan und oft vegetarisch.
  • Ich benutze Seifenstücke, statt Duschgel und festes Shampoo.
  • Meine Ohrstäbchen enthalten kein Plastik und statt Tampons verwende ich Menstruationsunterwäsche.
  • Meine Haushaltsschwämme bestehen aus Zellulose, die Abschminkpads aus Baumwolle.
  • Minimalismus macht mich glücklich
  • Ich achte darauf, wie viel Müll mein Einkauf verursacht und kaufe mal bei einem Unverpacktladen ein.
  • Vieles, wie Weichspüler mache ich selbst.

Und ich fahre einen elektrischen Rollstuhl. #Mobilitätswende

***

Auch wenn die (virtuellen) Gemeinschaften sich in Bubblen teilen und es u. a. die Eltern-, Veganer-, Feminist*innen-, Nachhaltigkeitsinfluencer- und Behindertenbubble gibt, halte ich nichts davon, mich in eine Schublade packen zu lassen. Ich mische gerne überall mit und erkunde den ganzen Schrank, es ist schließlich nur das bisschen Rollstuhl.

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