Die Gewerkschaften der Gesellschaft

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Allgemein

Wenn man ein Teil der Gesellschaft ist, der nicht einer (sich langsam auflösender) „Norm“ entspricht, gilt man als Sonderling. Egal wie, man fällt auf: durch die Behinderung, Hautfarbe oder Körpergewicht. Man verkörpert unabsichtlich ein Statement. Es reicht eine kleine, aber öffentliche Auseinandersetzung der Menschen mit obigen Merkmalen mit deren Alltagsproblemen, wie u.a. Diskriminierung und schon ist man als Aktivist*in geweiht. Es gibt eine Handvoll Menschen, die zwangsläufig in den Medien eine Bühne bekommen und alle behinderten, dicken und schwarzen Personen repräsentieren. Etwa wie bei dem Vorstand einer Gewerkschaft ist Solidarität und Kampf in die Rolle vorprogrammiert. Der Zweck? Andere (wer auch immer sie sind) sollten unsere Daseinsberechtigung bestätigen. Anerkennung und Zugehörigkeit, das sind schließlich menschliche Bedürfnisse.

Aktivist*in wird man zuallererst, egal ob man es möchte oder nicht. Die Selbstverständlichkeit vieler Existenzen ist eben noch zu krass! In Inneren entscheidet jede*r für sich – lebe ich den Aktivismus und mache mein Leben zu einem öffentlichen Aufstand oder nicht? Wird jede meine Bewegung ein Symbolakt oder doch bedeutungslos?

Für mich ist es entscheidend, ob man*frau die aktivistische Rolle selbst annimmt. Denn anders, besonders und als Aktivist*in wird man*frau lange noch bezeichnet. Die Gesellschaft braucht Label für die Schubladen und Persönlichkeiten, die um Akzeptanz kämpfen. Und es bewirkt etwas, ja! Unsere Erzählung wird gesehen, schafft Raum und erleichtert womöglich das Leben vieler anderen behinderten, dicken und schwarzen Personen.

Ich bezeichne mich nicht als Aktivistin. Dafür tue ich nicht genug, nach meiner Definition. Ich gehe nicht auf Demos oder werde nicht zu Talkshows eingeladen. Ich bezeichne mich aber nicht als keine Aktivistin. Ich lebe mein Leben, trinke ein Bier in einer Bar und spreche über Hurden, die mir begegnen. Ob jetzt andere das aktivistisch und krass bezeichnen, sagt mehr über deren Weltvorstellung aus als über mein Leben. Für irgendjemand werde ich sicherlich Aktivistin sein und es stört mich nicht.

Was ich mir wünsche ist ein Abschied vom kollektiven repräsentieren. Nicht jede*r möchte für alle betroffenen Personen sprechen und diese Verantwortung tragen. Die anderen kenne ich nicht! Gleich sind wir partout nicht. Für Millionen Menschen stehen zu müssen oder wollen ist eine Verneinung der Vielfalt. Ich möchte mein eigenes Label sein und wünsche, dass andere das auch können. Open closet, statt Schubladen!

Btw. Wo bleiben die Aktivist*innen für weiße „Normmenschen“ ohne Behinderung? Wenn schon Gewerkschaften bilden, dann bitte alle, inklusiv!

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