Ich liebte meinen Assistenten und er erwiderte es.

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Allgemein

Nicht selten bringt persönliche Assistenz oder care giving beide Seiten des Verhältnisses näher. Die gemeinsame Zeit lässt so Freundschaften und auch mal Beziehungen entstehen, die intensiv und mal kompliziert sein können. Ich glaube daran, dass jede Begegnung eine Berechtigung hat und diese ist viel mehr, als ein Fluch oder Segen. Das lässt sich letztendlich schwer definieren.

Die turbulenteste Liebesgeschichte meines Lebens ist mittlerweile drei Jahre her und verweilt still in meinem Kopf. Ich möchte sie aber nicht mehr verstecken und behütet aufbewahren. Während ich diesen Text schrieb erkundete ich meine Verwundbarkeit, spürte meinen Mut und erlaubte mir, die folgende Geschichte loszulassen.

Unsere Bekanntschaft begann wie eine einfache Liebeskomödie – ich datete damals einen Rollstuhlfahrer und lernte dadurch auch seinen Assistenten kennen. Meine Sympathie für den Mann, der den Tisch für das Dinnerdate seines Assistenznehmers deckte, war unauffällig, doch da. Die Dates führten mich ins nirgendwo und ich war mehr mit meinem Herz dabei mein erstes Assistententeam aufzubauen. Zu der Zeit verzweifelte an der kurzfristigen Kündigung einer Vollzeitkraft. Ohne groß nachzudenken schrieb ich dem Assistenten meines Dates eine Nachricht: „Bei mir ist jemand abgesprungen und ich brauche dringend Ersatz! Könntest du bei mir kurzfristig aushelfen?“

Aus Aushelfen wurde eine Vollzeitbeschäftigung. Niemand beabsichtigte, was daraus nach eigenen Wochen geworden ist. Es fühlte sich für keinen von uns alltäglich an. Es war unerwartet vertraut. Dieses schwer greifbare in der Luft, flüchtige Blicke, verletzlich und unbeholfen versuchen es zu verneinen, was auch immer das „es“ war – das ist der Anfang jeder überraschenden Verliebtheit. Sie ist oft gezeichnet mit schüchternen Schritten in Richtung des anderen, mit Tagträumen und in unserem Fall – mit dem Gefühl es nicht zulassen zu können. Denn egal wie charismatisch oder mutig man zu sein scheint– es kann einen treffen, was andere sagen werden.  Wir wurden voneinander durch Gedanken wie „Sie werden sagen, ich nutze sie aus“ oder „Sie werden behaupten, ich verführe meine Assistenten, belästige sie vielleicht sogar“ getrennt. Die Zuneigung war da und sie klopfte an unsere Herzen, wie ein Problem, dass gelöst werden muss. Wir – mein Assistent und Schwarm (Reihenfolge ohne Bedeutung) entschieden uns unsere Geschichte vor meinem Team geheim zu halten.

Die Küsse und Blicke sind anders, wenn man weiß, dass sie in wenigen Minuten enden müssen. Die Spuren des gemeinsamen Tages wegzumachen war unser Versteckspiel. Zum Abschied winkte man sich, obwohl man doch im selben Bett schlief. Es tat weh. Doch egal, wie man sich bemüht eine Lüge oder eher falsche Wahrheit zu verstecken – wenn sich zwei heimlich verliebte angucken, auch wenn nur bei einem freundlichen Abschiedswinken, ist das wesentliche nicht zu übersehen. Familie, Bekannte, letztendlich Assistenten zweifelten langsam unser sorgfältiges Lügengerüst an.

Der Versuch uns gegenseitig vor Angriff anderer verurteilenden Blicke zu beschützen scheiterte. Wir waren mehr als eine Assistenznehmerin und ein Assistent. Frauen und Männer möchten gesehen werden. Uns zu der Beziehung zu bekennen zog mit sich mehr als das berührte Herzrasen zu den Worten „…und wir haben uns lieben gelernt.“. Die Offenbarung wird viel kosten. Das Arbeitsverhältnis fortzusetzen, die Liebe zu nähern und die Assistenz, miteingeschlossen mein Freund, nicht darunter leiden lassen. Fair zu sein war meine Ambition.

Eine lange Zeit ist vergangen und ich erinnere mich an lange Nächte, Freude, Leidenschaft und an das wärmende Gefühl, gesehen zu werden – eben als Frau. Ich bewahre in mir die heißen Sommertage, Musik und witzige, liebeswürdigen Anekdoten eines Paares, wie die der Millionen Paare zuvor und danach. Dann denke ich zurück an die Winterabende am Hafen, wo wir am Vortag zum Valentinstag nicht mehr dieselben Menschen waren. Nicht an einer Behinderung scheiterte diese Liebesgeschichte. Die begrenzte Unabhängigkeit in unserer Beziehung war die wahre Herausforderung und sie ist nur dann möglich zu meistern, wenn man sie wahrnimmt und damit harmonisch leben kann.

Wo die Liebe herrscht, da gibt es keinen Machtwillen – das spürte ich schmerzhaft an der Nacht, an der ich T. das letzte Mal sah. Ich bat ihm um körperliche Hilfe, wie seit Monaten, doch das erste Mal wurde er dabei unverständlich wütend und grob. Wir fingen an zu streiten oder eher: setzten den monatelangen Dauerstreit über unter anderem gebrochenes Vertrauen fort. Seine Agression machte mir Angst. Ich versuchte ihn aus der Trance des Schlafwandelns zu wecken – damals, drei Uhr nachts war das für mich die einzige rationale Erklärung für die Situation. In seinen Augen erkannte ich Abwesenheit und kalte Leere. Vor mir stand ein psychotischer Unbekannter mit großen Augen. Plötzlich verstand ich nichts mehr und bekam Panik. Ich bat ihm mir das Handy zu geben und weinte, als er eine herzbrechende Bedingung aussprach.

 „Wenn du jetzt jemanden anrufst, wirst du mich nie wiedersehen!“.

Sehr gerne! Ich will dich nicht mehr wiedersehen und gekündigt wirst du auch!“ schrie ich zurück. Das war das mutigste und dümmste, was ich je gemacht habe.

Als Hilfe kam, ging er geradeaus zu der Wohnungstür, ohne sich umzudrehen. Er nahm noch aus dem Schrank die Hausschuhe mit, die ich ihm geschenkt habe.

Ich konnte dadurch lernen, dass Liebe nicht genug ist. Verliebtheit passiert, eine Beziehung geht man ein – das bewusste Entscheiden – allgemein und jeden Tag aufs Neue – macht dabei den wichtigsten Unterschied. Dafür ist die persönliche Klarheit über die eigenen Grenzen, Bedürfnisse, Ängste und Herzensthemen nötig. Schämt man sich das zwischen zwei Menschen intimste Gespräch zu führen, so kann die Beziehung ein Schlachtfeld innerer Kinder werden. Aus Angst sich verwundbar zu zeigen, setzt man die Hoffnung ausschließlich in die Liebe, die alles regeln wird. Nach meiner Erfahrung ist das eine naive Ausrede, um die Verantwortung abgeben zu können. Seit jenem Erlebnis weiß ich für mich, ich möchte keine Beziehung haben. Ich möchte eine führen, aufbauen und eingehen.

Voneinander grundlegend existenziell in einer Beziehung abhängig zu sein ist das, was ich nicht raten würde nachzumachen. Es ist nun also kein spezifischer Konflikt zwischen Liebe und gleichzeitig persönlicher Assistenz oder Behinderung, sondern Liebe und Abhängigkeit. Dieser Konflikt ist alltäglich auch unter nichtbehinderten. Hohe Position in der Karriereleiter, Einkommensverhältnisse, herkunftsspezifische Kultur, Bildung und geschlechtsbezogene Weltbilder führen zu einem Machtungleichgewicht in Liebesbeziehungen.

Egal, welche Umstände eine Beziehung begleiten – darin freiwillig und unabhängig als (bspw.) Mann und Frau zu sein ist die gesunde Grundlage.

Aus Respekt für Freiraum beider Seiten der Beziehung und aus der Erfahrung werde ich nie mehr wieder mich von einem Partner pflegen lassen.

Doch es kann für jemanden anders durchaus funktionieren – das beweisen Squirmy and Grubs, bzw. Shane und seine Verlobte, aber auch Assistenz Hannah. Sie haben ein Youtubekanal und erzählen über sich: We’ve been dating for over two years, and we’ve discovered that people find our relationship to be pretty peculiar. One of us has a severe muscle wasting disease, and uses a wheelchair. The other one of us…doesn’t. Shane’s disability plays a huge role in our relationship, but not in the way that most people expect. Watch us navigate our life together and laugh with us along the way. Ich empfehle ihre Videos, weil sie die Herausforderung der Abhängigkeit mit Charm und Humor meistern.

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  1. Dorena sagt

    Kann die Geschichte ein bisschen nachvollziehen. Bei uns ist es seit 34jahren permanent so, dass sich Ehefrau und Assistenz überschneiden. Dass es bei uns funktioniert, liegt wohl sehr wesentlich am gutmütigen Charakter von meinem Lieben Mann. Freilich spüre ich nicht mehr so die Leichtigkeit vergangener Zeiten,wenn ich neuerdings sage, die Ehefrau wünscht sich mehr Nähe und die gleiche Person als Pflegerin/ Assistenz wünscht sich mehr Distanz. Mit diesem Spagat werden wir leben müssen. Das Schlimme ist ja, man findet keine Möglichkeit,wenn man sie denn braucht, für kurzfristige Vertretung, wenn ich zum Beispiel wegfahren will auf eine frauenveranstaltung oder ins Krankenhaus muss.
    Gruss Dorena

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