In einer Warteschleife

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Ich habe noch nie so viel Zeit damit verbracht, auf etwas zu warten. Warten ist ein essenzieller Teil meines Lebens, das ist aber nichts Außergewöhnliches. Jede*r auf Hilfe oder Leistung anderer angewiesene*r macht dasselbe durch. Die Mühlen mahlen langsam, oh ja! Ich bin schon lange in dem business, slow business. Das Leben wie in einem Wartezimmer ist geprägt von einem Zeitgefühlverlust. Passend zu meinem Muskelschwund, begleitet mich auch Zeitschwund.

Vor fast zwei Jahren habe ich meine Reha-Berufsausbildung als Bürokauffrau erfolgreich abgeschlossen. Fertig. Und nu? Ich habe ein Jahr versucht mich selbst in das Berufsleben zu integrieren. Ich bin als betroffene gewohnt am besten informiert zu sein. Als mich die Post mit einem Bewerbungsvorschlag erreichte, wurde ich zur Dora the Explorer und machte mich mehrmals auf das Abenteuer: Barrierefreiheit prüfen. Ich erschien vor Ort, rief an und recherchierte, ob die Umstände gegeben sind, um sich überhaupt sinnvoll bewerben zu können. Am Anfang der Reise war ich zermürbt davon, die Vorarbeit leisten zu müssen. Einer arbeitslosen behinderten Frau einen Stellenvorschlag geschmückt mit Sanktionen vorzulegen, den sie nun selbst auf Barrierefreiheit prüfen muss, schien mir ungerecht. Aber es ist doch oft so: sie zeigen dir das Ziel und den Weg dahin musst du schon rausfinden – ansonsten, Pech gehabt. Während ich die Recherchearbeit machte, blieb die Zeit nicht stehen. Assistentinnen verließen mein Leben und neue kamen dazu. Eigentlich hatte ich damit genug Aufgaben und Pflichten für einen Vollzeitjob. Die unstabile Situation, Druck und Erschöpfung nagten an meiner Gesundheit. Ich wurde körperlich schwächer und weniger belastbar. Jobabsagen kamen reingeflattert und nicht mal für einen Förderprogramm der Stadt Wiesbaden reichte es aus. Währenddessen machte ich eine schwere Trennung durch und versuchte meine allerbesten Ressourcen in meine Versorgung, die Assistenz, zu investieren. Als ich auch da von Menschen bitter enttäuscht wurde, setzte ich mich hin. Ich sitze natürlich die meiste Zeit, aber erst an diesem Punkt hatte ich dieses Gefühl und innere Bild nachgespürt. Ich sackte zusammen, weinte laut und beschloss, dass es so nicht weitergehen kann. Muss das Leben so anstrengend sein?

Das und vieles mehr waren meine Themen, die ich Oktober 2019 in einer Therapie anging. Ich habe auch keine Schwierigkeiten darüber zu reden, wenn jemand fragt, ob mich vielleicht jemand als labil und nicht belastbar deswegen bezeichnet. So ein Quatsch! In die Therapie zu gehen bedeutet für mich sich den Lasten stellen zu wollen, in die Tiefe zu gehen und das unangenehme Wachstum auszuhalten. Das ist ein Beweis einer Kraft. Und – jeder hat so sein Thema. Vielleicht liegt es unterhalb der Oberfläche der schönen Instagrambilder oder einer perfekt aufgeräumten Wohnung und fühlt sich dort gut getarnt, kuschelig versteckt.

Bevor ich zu Ende des Jahres in die Therapie ging, startete ich den Versuch mich umzuschulen. Sinnvoll, mit dem Blick in die Zukunft. Eine Bürokraft zu sein, die keine Akten blättern kann, war (allein körperlich) nicht meine Bestimmung. Schlecht beraten worden, konnte man sagen. Die Idee Fachinformatikerin zu werden scheiterte an den Aussagen der Bürokauffrauen des Arbeitsamtes: „Sie benötigen keine Umschulung“. Die Begründung durfte ich einem Blatt entnehmen, dass ich kaum halten, noch unterschreiben konnte. Humor hat das Leben ja schon!

Mir wurde die „Eignung für eine Vollzeitstelle als Bürokraft“ weiterhin attestiert, obwohl ich nie einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen musste, die Reha-Ausbildung eingeschlossen. Ich kenne meine allgemeine Situation, meine seltene Erkrankung und ihre Entwicklung, die Perspektiven und Möglichkeiten am besten und nahm nicht an, was über mich und ohne mich entscheiden wurde, denn es entsprach nicht der Wahrheit, meiner Wahrheit über meinen Körper. So kam es dazu, dass ich die Erwerbsminderungsrente beantragt habe. Wozu eigentlich?

Um vielleicht noch studieren gehen zu können oder die Möglichkeit zu haben mich an einem Teilzeitjob zu versuchen, mit dem Unterschied, dass ich dann nicht zu etwas gezwungen werden kann, was ohnehin nicht möglich ist und noch unmöglicher zwei Jahre später.

Vieles ist aber möglich: Google erkannte Potenzial in mir und sagte meiner Bewerbung für ein Stipendium zu, so darf ich an einem professionellen Kurs für Online Marketing Expert*innen teilnehmen, an der Seite vieler erfahrenen Personen aus der Branche. Ich brachte mir schon früh programmieren bei und konnte bereits vor Jahren verschiedene Onlineprojekte abwickeln. Mit dieser Chance wurde mir klar, dass ein „Nein“ einer Sachbearbeiterin oder eines Beraters viel zu wenig ist, um sich selbst in der Welt vieler Möglichkeiten aufzugeben.

Da stehe ich gerade, immer noch wartend auf die Entscheidung des Antrags an die Rentenversicherung, die schon längst fällig ist und ein Geburtstag bereits gefeiert hat (es gab Champagner). Ein Jahr warte ich auf das richtige Leben, auf tätig sein, bisschen eigenes Geld verdienen zu können ohne, dass es mir weggenommen wird. Ich warte auf die Möglichkeit richtig in Urlaub zu fahren, ohne Angst vor Sanktionen. Ich bereite mich vor, schmiede Pläne, werde ungeduldig und erinnere mich dann doch: ich bin in einer Warteschleife, aber zumindest kann ich mir die Musik aussuchen.

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