Karl, ich darf Jogginghosen tragen.

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Allgemein

Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit und eine Erleichterung: ich kann wenig Kleidung anhaben und mir ist es trotzdem angenehm warm. Ich fühle mich viel freier, da mein Muskelschwund mich viele Kleidungsstücke als Widerstand spüren lässt (Röhrenjeans und Winterjacke, ich grüße euch). Unter diesen Umständen lernt man diese Leichtigkeit schnell wertschätzen. Ich fühle gerne Mode, die ich trage.

Als ich siebzehn Jahre alt war wollte ich Modedesignerin werden und zeichnete massenweise Fashion-Skizzen. Kleider auf dem Papier zu entwerfen war meine erste Auseinandersetzung mit Mode. Kurz vor Abitur nahm ich Kontakt auf zu einer Akademie für Modedesign und schickte voller Aufregung mein Portfolio hin. Es war mein erster Traum und Herzenswunsch, an den ich mich erinnern kann.

Ich konnte als Bewerberin nicht berücksichtigt werden, da ich aufgrund von meinen Einschränkungen nicht nähen konnte, hieß es damals. Nach wie vor ist meine Aufmerksamkeit für Mode, Ästhetik und Design groß geblieben. Erst vor paar Jahren entdeckte ich Mode für mich – Kleidung, die im Sitzen selbstbewusster macht.

An einigen regnerischen Nachmittagen verfolgte ich leicht verschossen in Guido Maria Kretschmer die Sendung „Shopping Queen“.  Zwei Tatsachen beunruhigten mich. Zu einem – wie ist es denn möglich, kein geschmackvolles Outfit für einen Betrag von fünfhundert Euro zusammenzustellen? Die zweite Frage beschäftigte mich nachhaltiger – warum gab es nun nie eine Kandidatenrunde im Rollstuhl? 

Menschen mit Behinderungen sieht man in Medien selten in einem alltäglichen Kontext. Oft ist derjenige ein Opfer (eines Raubes oder nicht funktionierenden Aufzuges) oder wird leidig zu einem Opfer von der Redaktion der Sendung gemacht. „Er/sie zeigt sich mutig“ und „trotz einer sichtbaren Behinderung“, um „andere zu inspirieren und Kraft zu geben“. Diese Narration reizt mich ein bisschen.

Ein traurigerweise fröhliches Kompliment dafür zu bekommen, dass ich ein hübsches Kleid trage, obwohl Rollstuhlfahrer doch nur Jogginghosen trügendas reizt mich ein wenig mehr.

Dafür gibt es mittlerweile auch eine Bezeichnung – Ableismus. Der Begriff ist noch nicht in der Öffentlichkeit etabliert – vielleicht deswegen wird er von Word rot unterstrichen. Ableismus begeht man, wenn man jemand wegen einer bestimmten, oft äußerlich wahrnehmbaren Eigenschaft oder einer Fähigkeit – seinem „Behindertsein“ – bewertet, auch positiv.

Das Fernsehen wird lange brauchen, um da anzukommen, wo soziale Medien jetzt sind. Modebewusste Rollstuhlfahrer*innen bewerben sich nicht bei „Shopping Queen“ – sie werden zu unabhängigen Models und präsentieren sich auf Instagram. Sie erzählen die eigene Geschichte selbst und bleiben dabei ernüchternd pragmatisch. Sie lieben es, großartige Kleidungsstücke und verführerische Makeups zu tragen.

Sie zelebrieren Schönheit charmant und strahlen – nicht nur äußerlich. Weder sie selbst noch jemand anders fügt ein „trotz“ hinzu. Und das ist schön.

Letztendlich geht es darum, so sein zu dürfen, wie man eigentlich wäre, wenn es keine Schubladen für uns gäbe. Sie enttarnen sich in unschuldigen Nebensätzen: „schön, obwohl…“ oder „fleißig, dafür dass…“. Ein Vergleich jagt den anderen. Ich möchte nur meine adidas Jogginghose und an anderem Tag einen roten Kussmund mit hohen Schuhen tragen, ohne dass mir jemand in perverser Ekstase der Gutmütigkeit ein Altar bauen möchte.

Ich darf alles und alles sein, was mich glücklich macht. Ich, du, jede Frau und Beyoncé dürfen es. Kein Mensch auf dieser Welt verdient es die Schönheit des eigenen Daseins in Relation zu stellen.

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