Lebensprojekt Ankommen

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Als ich den Kampf um das persönliche Budget für meine 24-Stunden-Assistenz vor vier Jahren begonnen habe, hatte ich eine naive Vorstellung davon, welche andere Herausforderungen mir bevorstehen. Ich war die erste Wiesbadenerin, die den Anspruch auf umfangreiche Assistenz erfolgreich durchgesetzt hat. Ich musste, ohne zu wissen wann, ob und von welchen Kostenträger die Leistung bewilligt wird, eine Wohnung anmieten und meine Familie musste sich neu finden. Die Vision selbstständig zu leben trieb mich monatelang an, bis ich das Ziel erreicht und ein Team aus sympathischen Assistenten zusammengestellt habe. Ich war der Überzeugung, jetzt bin ich über den Hügel gegangen und habe den Regen vor dem ersehnten Regenbogen durchgestanden. Jetzt wird es laufen, dachte ich zuversichtlich. Jetzt kann ich das Leben leben, ich bin angekommen!

Heute muss ich über meine Weltanschauung schmunzeln, doch schäme ich mich nicht dafür. Schließlich gibt’ es Menschen, die noch in ihren Vierzigern oder sogar bis zum Ende ihres Lebens es anstreben anzukommen. Sie glauben daran, erst dann glücklich sein zu dürfen, sobald sie einen bestimmten Punkt im Leben erreichen. Beispiele sind zahllos: das Übergewicht abzunehmen, ein Buch zu schreiben, Kinder großzuziehen oder endlich eine feste Liebesbeziehung zu haben.

Meine Version desselben Wunsches war: ein stabiles Team von belastbaren Assistenten für Jahre zu finden. Nach drei Jahren ist mein Wunsch immer noch aktuell. Ich bin noch nicht angekommen.

Seitdem ich die persönliche Assistenz habe und von fremden Händen abhängig bin, erfahre ich die Wahrheit des Spruches „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, Pläne zu machen“ immer wieder aufs Neue. Zwischen Bewerbungsgesprächen und Kündigungen, zwischen Sorge und Hoffnung lies ich meine Vision ein wenig los. Warum? Das Leben lässt sich schwer kontrollieren, viele behaupten es sei eine Illusion es zu können. Mir ist bewusst geworden, dass ich einem Lebenszustand nachjage und wie ein Ballon im Wind schwanke – glücklich oder unglücklich durch äußere Umstände. Ich habe oft mein Leben in die perfekte Zukunft verlagert, doch mit jedem Tag wurde sie kürzer. Möchte ich Veranstaltungen, Begegnungen, Projekte so lange aufschieben, bis es keine Zukunft mehr gibt?, fragte ich mich ermüdet von meiner eigenen Erwartung an das Leben.

Mir ist bewusst geworden, dass es nicht darum geht, anzukommen und ein Lebensziel zu erreichen. Meine Betrachtung auf das Leben definiert in Wendepunkten und festen Momenten, wie Abschlüsse oder Bewilligungen veränderte sich und seit kurzem erkenne ich die lebendigen Phasen und Wellen dazwischen. Sie geben einem den Raum zu wachsen, stolpern und sich selbst zu reflektieren. Dadurch wird einem vielleicht klar, dass man eigentlich kein Ziel verfolgt hat, sondern eher Sehnsucht nach einem Gefühl hat, das dahintersteckt. Muss man zwingend abnehmen, um sich attraktiv zu finden? Braucht man berufliche und private Erfolge, um sich gut genug zu fühlen? Muss man etwas perfekt können, ehe man es sich selbst und der Welt zeigt?

Obwohl viele Menschen sich in äußeren Umständen gefangen fühlen und da eine Verbesserung suchen, scheint die Lösung in ihnen selbst zu sein. Klingt spirituell, oder? Keine Absicht! Ich bezeichne mich als einen rationalen und skeptischen Menschen, doch der Gedanke sich selbst Gefühle zu schenken, die man sonst erwartet von außen zu bekommen, beschäftigt mich.

An heutigen Samstag findet eine Veranstaltung statt, für die ich längst das Ticket gebucht habe und es ist gleichzeitig die erste Schicht einer neuen Assistentin, einer von vielen in Moment. Es war anders geplant und ich weiß, dass ich vor einem Jahr das Ticket aufgrund der Umplanung in der Schublade hätte liegen lassen. Ich würde nicht hingehen. Heute frage ich mich, brauche ich zwingend eine erfahrene Assistenz, um ausgehen zu können? Ist mein Wunsch ein Ausdruck einer Sehnsucht nach Sicherheit? Vielleicht wenn ich selbst Sicherheit und Ruhe nach ausstrahle, werde ich mich innerlich in Sicherheit fühlen?

Ich werde es nicht mehr aufschieben, die Entscheidungen, Besuche, Kunstprojekte, das Leben. Die Zukunft ist eigentlich jetzt, ein Mutausbruch entfernt.

Sie ist grad in so ’ner Phase, wo sich alles um sie dreht.
Sie ist grad in so ’ner Phase, wo sie kaum einer versteht.
Und ihre Nacht hat tausend Farben, ihre Tage kein System.
Sie ist grad in so ’ner Phase und sie tanzt dabei so schön.

Olli Schulz

2 Kommentare

  1. …finde jetzt nicht die richtigen Worte – aber der Text-bzw. sein Inhalt hat mich total angesprochen. Lebe seit 9 Jahren mit einer Erkrankung – und habe in dieser Zeit viele verschiedene Phasen durchschritten…das muss ich mir auch selbst immer wieder herholen – denn manchmal fragen mich „Neuerkrankte“…und an ihnen sehe ich – wie sich das alles in mir gewandelt hat, wie ich mich gewandelt habe und wie wenig ich das einem ganz gesunden erklären kann. Vielen herzlichen Dank!

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