Mann, gönn‘ es mir auch!

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Einige Rollstuhlfahrer*innen saßen an einem warmen Juni zusammen und Bier floss in der Runde. Ich mag kein Bier. Kleinere Grüppchen unterhielten sich laut, auch die persönliche Assistenz ist als Begleitung dabei. Ich war seit wenigen Monaten in meiner neuen Wahlheimat – Deutschland und suchte Anschluss. Ich wollte mich integrieren – in Behindertenslang. Ein junger Mann fiel mir auf. Ein frecher Spastiker. Ich lauschte interessiert seine lockere Unterhaltung mit Männern um ihn rum. Sein Assistent plauderte los und erzählte, wie er den grinsenden Rollstuhlfahrer in den Puff begleitete. Na ja, Männer und deren Bedürfnisse halt, dachte ich und hielt gelangweilt Ausschau nach Frauen, doch irgendwie wollten sie mit mir nichts zu tun haben.

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Ich bin eine junge Frau mit einer Behinderung und wie in jedem anderen Lebensbereich suche ich einen Weg, mich selbstbestimmt auszuleben. Weder dass ich jung bin noch, dass ich eine Frau und behindert bin, möchte ich als Argument benutzen, um ein Bedürfnis nach Intimität zu begründen. Denn jeder Mensch trägt diese Sehnsucht in sich.

Ich beobachtete länger den folgenden Gedanken: Wie offen kann ich damit umgehen? Wie komme ich dahin, mich als Frau erfüllt zu erleben – mit der Behinderung im Hintergrund?

So hatte entstand die Idee für diesen Text. Ich teilte sie neugierig auf Twitter. Als ich den Kommentar einer Frau las, dass es sicherlich viele Klicks bringt, war Grinsen des Spastikers in meinem Gedächtnis wieder präsent. Er gab sich offen, ohne Scham, befreit von Verletzlichkeit und ohne Unsicherheit quatschte er über den Ausflug und auch sein Assistent machte selbstverständlich mit, als wären sie beste Freunde. Sie waren es aber nicht, sie waren einfach nur Männer – unter sich. Niemand errötete, zeigte prüde Empörung oder sagte bissig „Du hast es aber nötig!“. Dieses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung fiel mir damals nicht auf, jetzt regte es mich aber auf.

Während ich Jahre später nach dem Behindertenstammtisch in vollem Drogeriemarkt einkaufte, hörte ich die Stimme von Margarete Stokowski aus meinen Kopfhörern.

„Leute denken, es gibt weibliche und männliche Sexualität. Ich denke nicht, dass es so was gibt. Man sagt, ein Mann hat sehr starke Triebe. Er muss sie ausleben, sonst wird er aggressiv – man muss es ihm gönnen! Weibliche Sexualität wird dagegen als sehr dunkel, kompliziert und mysteriös wahrgenommen. Man munkelt, Frauen können zwar Spaß am Sex haben, aber man muss sie schon dazu überreden.“

Podcast Deutschland3000 – ‚ne gute Stunde mit Eva Schulz, Folge „Was ist guter Sex?“

Ich sah in derselben Drogerie einige Regale weiter die Amorelie-Sextoys und staunte – ist der Sex in die Mitte der Gesellschaft angekommen oder doch nicht? Warum werde ich aufgrund meines Geschlechts und der Behinderung so behandelt, als müsste ich mich für meine Sexualität schämen, andere aber nicht? Warum kann ein Rollstuhlfahrer ohne jeglichen negativen Kommentar Sex kaufen oder sich für den Anspruch auf Sexualassistenz einsetzen, während von einer Rollstuhlfahrerin angenommen wird, sie muss, bevor sie Sex hat zunächst den besonderen, seltenen Partner kennen lernen, sich ihm öffnen, ihm tiefes Vertrauen schenken und dankbar sein muss, weil er ihren (behinderten) Körper akzeptiert?

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Ina Rudolph, eine deutsche Schauspielerin, Autorin und Coach beschreibt in ihrem Buch einen Freundinnenabend mit Gläschen Wein. Inas Freundin sehnt sich nach jemanden, mit dem der Sex schön ist. Doch – keiner ist da, das ist die Realität. Ina antwortet darauf:

Also für mich ist es so: Solange ich niemanden habe, mit dem Sex schön ist, kann ich es mir selbst so schön machen, wie es geht. Bis wieder jemand da ist, mit dem es schön ist.“

Im Verlauf des Gespräches äußert die Freundin, dass sie traurig ist und sich bedürftig vorkommt. So möchte sie nicht einem potenziellen Partner begegnen. Negative Gefühle begleiten sie bis zu dem Moment, in dem sie feststellt – es ist bereits jemand da, mit dem es schön sein kann.

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Ich möchte meinem Partner in der Zukunft auch nicht bedürftig begegnen – vor allem, wenn viele annehmen, bedürftig sein gehört zu einer Behinderung ohnehin dazu! Solange die Gesellschaft mit Urteil und Spott entgegenwirkt, wenn man als Frau nach sinnlicher Erfüllung sucht, wird diese auch nicht in einer Beziehung auf einer Augenhöhe leben können. Ich kann es mir schön machen, wie es mir gefällt, solo oder nicht, in einer Beziehung oder unverbindlich – jeder sollte das frei können – und das fühlt sich gut an. Wenn man einem Mann Sex gegen Geld gönnen kann, dann vielleicht einer Frau etwas selbstbestimmter Erotik auch.  Nun grinste ich dem Spastiker in meiner Erinnerung zurück.

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