Starrst du mich an?

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Es ist Samstag Abend in Hamburg. Auf der Reeperbahn bewege ich mich langsam durch die Menge und in meiner linken Hand halte ich meinen Strohhalm, bereit für den nächsten Shot. Ich beobachte die Menschen und Erscheinungen, die mir begegnen. Meine Blicke folgen den bunten Lichtern, sind neugierig und interessiert. Versehentlich, doch vorsichtig streife ich vorbei an einem Tutu einer lachenden jungen Frau, die ihre Bacheloretteparty feiert. Ich muss auch lächeln. Mich beobachtet niemand. Niemand mustert mich ab oder starrt mich an. Liegt es an dieser Nacht? An dieser Stadt? Oder doch an meiner Wahrnehmung?

Eine bekannte deutsche Aktivistin im Rollstuhl berichtete vor einigen Wochen auf Instagram über die Wahrnehmung ihrer Erscheinung in der Öffentlichkeit. Das Posting der Bloggerin macht auf ihr Gefühl aufmerksam, aufgrund des Rollstuhls angestarrt zu werden und erreicht damit nichtbehinderte, als auch Menschen mit Behinderungen, die sich mit ihr und ihrer Erfahrung identifizieren. Unter einem Foto schreibt sie:

„Die Leute unterhalten sich, ein Mann am vorderen Tisch entdeckt mich, schaut mich an, sagt seinen Kolleg*innen Bescheid. Ich beobachte, wie sich auf einen Schlag sechs Köpfe in meine Richtung drehen und mich stumm mit ihren Blicken einfangen“.

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, dem persönlich nicht zu zustimmen. Ich bin ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, doch kann ich mich mit der bedrückenden Wahrnehmung nicht identifizieren. (Auch wenn mich und die besagte Aktivistin ein ähnliches Merkmal (der Rollstuhl) verbindet, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass wir eine Welt derselben Probleme, Perspektiven und Erfahrungen teilen.)

Warum kann ich also nun der Annahme, als Rollstuhlfahrerin wird man unangenehm angestarrt, nicht in Klarheit zustimmen?

Der Grund liegt in meiner Ablehnung der Opferrolle. Behinderte Personen werden oft wie ein Opfer des Systems, der Gesellschaft, der Krankenkassen dargestellt und sehen sich auch selbst als solches. Aber, wen wunderts? Die Nachrichten und Medien berichten über Pflegenotstand und protestierende Rollstuhlfahrer. Unter anderem diese negativen Assoziationen erschaffen das mittlerweile fest verankerte Bild von einem durchschnittlichen Rollstuhlfahrer – Situationen ausgeliefert, ununterbrochen in Kampfmodus gegen die Welt, starrende Menschen und grausame Behörden.

Man wird nicht selten behindert und fremdbestimmt – das aktuellste Beispiel dafür ist der Kampf um die Beatmung im eigenen Zuhause gegen die Pläne von Gesundheitsminister Spahn. Betroffene werden ein Opfer dieses Gesetzes und das darf nicht zugelassen werden.

Trotzdem gibt es Tage, ach, manchmal Wochen an den Menschen mit Behinderungen kein Aktivismus betreiben müssen und glücklich sind – vielleicht ist es der neue Rollstuhl? Oder Bewilligung der persönlichen Assistenz? Eine neue Liebe, die einem Kraft gibt?

Es enttäuscht mich bitter, wie überrascht und fast ungläubig nichtbehinderte wirken, wenn sie einem zufriedenen und aktiven Behinderten begegnen. Auch wenn man sie nicht oft in Medien zu sehen bekommt, sie existieren. Sie trinken Cappuccino in deinem Lieblingscafé.

Wenn man schon eine schwere Rolle bekommt, sollte man sie gut spielen und damit mehr erreichen als oberflächliche Aufmerksamkeit und Sympathien aus Mitleid. Es reicht nicht, die Herausforderung der Rolle seines Lebens deutlich zu machen, man müsse diese Rolle meistern und über sie hinauswachsen. Vielleicht nur, um anderen Mut zu machen.

Solange die frewillige Opferrolle als das Image der Behinderten aufrechterhalten wird, wird es Helden, Ableismus und inspirational porn geben. Solange man glaubt ein Opfer zu sein, ist man eins.

Ich wurde mir meiner Opferrolle bewusst und weiß jetzt, dass man sie ablegen kann. Jetzt ist es mir möglich die Welt freundlicher anzusehen und ich beklage mich weniger. Wer sich beschwert, wird nicht leichter. Das, was mich behindert, verändere ich.

Seitdem ich nicht mehr daran glaube ein Opfer von etwas zu sein, bin ich frei, schau mich nicht um und begegne auf einer Augenhöhe. Die Menschen haben aufgehört mich anzustarren oder vielleicht habe ich aufgehört zu denken sie tun es. Denn in Hamburg auf der Reeperbahn gibt es definitiv interessanteres zu sehen, als eine glückliche Rollstuhlfahrerin.

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