Über Spaziergänge, Erfüllung und Helfersyndrom

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Allgemein

Ich saß gegenüber meiner Assistentin vor einigen Wochen mit einer Tasse Tee. Es war Zeit für ein Feedbackgespräch und ich fokussierte mich mehr als sonst, um präsent zu sein. Gespannt sein ist hier die falsche Bezeichnung dafür, was ich empfand. Ich war neugierig.

Sie fing an. „Ich fühle mich wie eine Maschine, die dazu da ist, dir den Kaffe zu machen und deine Post abzuschicken.“, sagte sie geradeaus. Der Satz verwirrte mich und löste gewisses Unwohlgefühl in mir aus. Es traf mich, doch wusste ich nicht warum. Sie sprach weiter über ihren sozialen beruflichen Hintergrund, aber folgen konnte ich ihr nicht, denn ich war aufgewühlt. Die emotionale Botschaft ihrer Nachricht erreichte mich als ein Vorwurf und gleichzeitig Bedauern. Das Bild wurde klarer – es handelte sich um hinderlich formulierte Wünsche.

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Aus dem Hörer kam eine freundliche Stimme, ein akustischer Energiebündel. Wird das meine neue Assistentin? Diese Frage war zu klären. In unserem ersten Telefonat sprachen wir über das Konzept der persönlichen Assistenz und was ich als Arbeitgeberin anbiete. Nachdem ich die organisatorischen Rahmbedienungen des Jobs klarstellte, fragte mich die eifrige Stimme „Wie würdest du es finden, wenn ich während der Schicht einen Spaziergang vorschlage?“.

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Ich öffnete meine E-Mails und lächelte – noch eine Bewerbung für die freie Stelle in meinem Team. Direkt fing ich an zu lesen und blieb bei einer Formulierung gedanklich stehen. „Ich kümmerte mich bereits um eine andere Rollstuhlfahrerin und kann somit Erfahrung als persönliche Assistenz vorweisen.“. Ich kümmerte mich.

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Eine Weile beobachtete ich die drei Situationen in meiner Erinnerung, nahm ein wenig Abstand und reflektierte die Botschaften dahinter. Ich stellte fest, dass Menschen, die mir helfen möchten, öfters eine Erwartung auf mich projizieren mich betreuen zu dürfen. Sie haben einen tiefen Wunsch einbezogen zu werden, sich einbringen und mitgestalten zu können. Mit ihrer Bereitwilligkeit mich im Alltag zu unterstützen glauben sie automatisch mehr Nähe und mehr Zugang zu einer hilfebedürftigen Person zu erlangen.

Ich möchte mich klar ausdrücken: jemanden zu helfen, um eine unverhältnismäßig große Erfüllung und Freude zu spüren ist falsch. Sich zu vergrößern, verkleinert jemand anderen.

Die Sehnsucht nach Bedeutung möchte ich niemanden abstreiten, ich habe sie auch – aber um etwas beizutragen muss man nicht unmittelbar Leben retten oder Welten bewegen. Spektakulär kann es eh nicht immer sein! Es braucht es auch nicht zu sein. Auch unscheinbare Hilfe ist wertvoll.

Ohnehin ist die Intention etwas bedeuten zu wollen als Beweggrund für einen sozialen Job (und für alles andere, von Partnerschaft bis Besitz) in meinen Augen bedenklich. Jeder einzelne bedeutet etwas, Punkt. Ich glaube daran, dass es nicht notwendig ist jenes oder dieses zu sein oder zu tun, um zu bedeuten.

Persönliche Assistenz ist etwas Besonderes – doch nicht deswegen, weil ich Unterstützung brauche und jemand diese leistet. Mir mehr gut tun zu wollen, als ich es mir wünsche, weil man darin aufgeht und es einen erfüllt – das ist übergriffig. Sich abgelehnt und abgewertet zu fühlen, wenn man als Assistent*in einer behinderten Person schlichtweg nur einen Kaffee zubereiten darf und manchmal nicht mehr – das ist falsch. Ich bin dankbar für die Freiheit, die ich habe und für ein zuverlässiges Assistententeam, aber stehe dadurch nicht in der Schuld mit Augen voller Tränen leise „Danke“ zu sagen, während im Hintergrund die kleinste Violine der Welt ertönt. Ich möchte mich nicht abwerten müssen, damit jemand anders heller scheint.

Ich bin mir dessen bewusst, dass dieser Text und die bestimmte Botschaft negative Gefühle beim Lesen hervorrufen kann. Bedauerlicherweise wenn eine Frau fordert nicht bevormundet zu werden, Grenzen setzt und Verhaltensweisen kritisiert, welche durchaus gut gemeint waren, wird kein Einhorn geboren #Feminist.

Ich erlaube mir unbequem, „kleinlich“ sowie wütend zu sein und lege noch einen drauf:

Kleiner Exkurs in Wording

Möchtest du einer behinderten Person im Rahmen der persönlichen Assistenz auf einer Augenhöhe helfen, achte darauf, dass assistieren nicht dasselbe wie betreuen bedeutet, aber beides die Feinfühligkeit erfordern diese Konzepte trennen zu können.

Auf jemandem aufpassen, sich um jemand kümmern, für ihn (rechtlich) sorgen – das sollte ein Betreuer, somit gehören die Begrifflichkeiten nicht in den Duden der Selbstbestimmung der erwachsenen Assistenznehmer*innen.

Jemanden dienen oder jemanden nützlich sein– diese Ausdrücke sind bezogen auf die Arbeit von Assistent*innen ebenfalls zu meiden und in die andere Richtung abwertend bzw. dominierend.

(Wenn du den Sinn des Genderns verstehst, dann wird dir diese Feinheit zu erkennen wahrscheinlich auch leichtfallen!)

Möchtest du dich als persönliche*r Assistent*in erfolgreich bewerben? Ersetze obige Formulierungen mit unterstützen, assistieren oder begleiten. Gern geschehen!

Wenn wir uns auf einer Augenhöhe begegnen, können wir gemeinsam strahlen.

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