Wie Grenzen befreien

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Vor einem Jahr hielt ich mein Praktikumszeugnis in der Hand: zufrieden, stolz und doch ein wenig besiegt.

An meinem ersten Tag brachte ich für alle Kollegen aus der Etage selbstgebackene Muffins mit. Typisch eifrig für eine Praktikantin! Offiziell wurde mir wenig zugetraut und übergeben – bisherige Praktikanten waren viel jünger als ich und eher zum Schnuppern vor dem Beginn einer Ausbildung da. Ich hingegen war im letzten Jahr meiner Rehaausbildung zur Bürokauffrau. Diese Berufserfahrung brauchte ich! So erledigte ich meine Aufgaben schnell und bewies Fleiß. Meine Pünktlichkeit, Arbeitstempo und mühelose, praktische Einstellung zu Problemen beeindruckten meine Betreuerin. Dann wurde es heiß – der Sommer, einer der heißesten aller Zeiten bahnte sich an. Die Abteilung wurde leerer und Vertretungen fielen krankheitsbedingt aus. Ehe ich mich umsah fuhr ich durch lange Flure mit einem Stapel Akten auf meinem Schoss. Er reichte bis zu meinem Kinn. Ich wurde auch inoffiziell an den Firmenrechner rangelassen und pflegte unbefugt Daten ein. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die Dokumente, hergebracht von überbelasteten Kollegen. Es war klar – ich bin die Urlaubsvertretung der Abteilung geworden.

Am Anfang war ich stolz, zig Akten bearbeitet zu haben und dass mir so viel Kompetenz zugetraut wurde. Diese naive Überzeugung, ich werde getestet und muss mich beweisen war meine Motivation. Ich arbeitete mit meiner persönlichen Assistentin gut koordiniert und synchron. Das alles innerhalb fünf Stunden, ohne Pause und ohne eine Möglichkeit auf die Toilette gehen zu können. Trinken war trotz der Hitze des letzten Sommer nicht drin!

Erst die Worte meiner Betreuerin weckten mich aus dem automatisierten Arbeiten auf.

„Sag mal, deine Assistentin… während du am Rechner tippst, könnte sie doch die nächsten Akten holen und fertige wegbringen, oder?“

Ich blickte ruhig zu ihr hin, während sie den Blick auf meine Assistentin richtete. Still zu blieben gab meiner Überforderung auffallend viel Raum. Ich versäumte, wie so oft im Leben, Grenzen zu setzen. 

Nein, ich kann nicht als eine schwerbehinderte Praktikantin in Teilzeit die Urlaubsvertretung der gesamten Abteilung sein. Nein, ich werde den Rechner ohne eine Befugnis der Leitung nicht benutzen und das Risiko eingehen. Nein, ich brauche jetzt Pause, auch wenn einige Akten noch unbearbeitet sind. Nein, ohne einer barrierefreien Toilette, ohne etwas trinken zu können ist arbeiten im Hochsommer nicht zumutbar. Nein, meine Assistentin ist meine Assistentin! Sie unterliegt meinen Anweisungen und wird nicht als eine zusätzliche Arbeitskraft ausgenutzt. All das blieb unausgesprochen.

Mein bisheriges Leben lang fiel es mir schwer anderen und mir selbst „nein“ zu sagen. Ich ignorierte gerne meine Erkrankung und redete mir aus, Ausreden zu benutzen. Warum machst du nicht langsamer und schraubst runter?, fragte mich eine besorgte Stimme. Ich antwortete klar und überzeugt:

Ich möchte über Klischees hinauswachsen, nicht mich dahinter verstecken. Der Maßstab einer chronisch kranken Person ist mir zu wenig.“.

Vor dem Satz „Für eine behinderte bist du sehr fleißig.“ hatte ich fürchterliche Angst und nahm deswegen meine eigene Gesundheit in Kauf, um nicht auf ein Merkmal reduziert zu werden. War das meine Art auszudrücken, dass ich meine Erkrankung nicht akzeptiere? Oder wollte ich anderen und mir selbst etwas beweisen? Oder folgte ich dem Leistungsdruck heutiger Generation? Sind doch Social Media und die Idee eines perfekten Menschen schuld daran?

Klischees kennen wir alle, sie engen einen ein und bilden eine gesellschaftliche Erwartung an eine individuelle Person. Während manche Menschen damit kämpfen, über die Erwartungen hinauswachsen, versuchen andere den kleinen Korn der Wahrheit darin und die simple Realität zu akzeptieren.

Ich wiederum kam zu der Erkenntnis auf die ganz harte Tour: nach sechs Bechern Kaffee und kaum Puls holte mich an einem Nachmittag ein Krankenwagen ab. Ich war zitterig, ängstlich, unruhig, dreifachsehend, hellwach und doch müde. Im Krankenhaus panisch blickte ich rum, versuchte mich zu fokussieren und selbst zu beruhigen, aber auch nicht einzuschlafen. Der Schock des Tages war groß, auch wenn ich ihn nach draußen liebevoll als kleine Dummheit bezeichnete. In meinem Inneren fühlte sich das an wie eine Abmahnung – gerichtet an mich selbst.

Als es vorbei war und ich nach Hause durfte, beschloss ich mehr auf mich aufzupassen. Ich erkannte, dass ich nicht mehr versuchen kann über meine Krankheit hinweg zu arbeiten. Mir einzugestehen, dass ich manches nicht schaffe tat mir weh und sprach das Gefühl der Scham an. Sich mit anderen zu vergleichen trieb mich immer an – damit aufzuhören fiel mir schwer. Trotz der Schwere konnte ich mein Leben nicht an jenem Tag umkrempeln. Es ist schlichtweg nicht möglich, auch wenn heutzutage gerne so ein Wandel als möglich verkauft wird!

Ich musste mich schrittweise selbst überzeugen, loszulassen oder umzudenken. In Zeiten, wo klassische Arbeitszeitmodelle hinterfragt werden liegt die Chance Produktivität anders zu interpretieren. Ich fing damit an Aufgaben zu priorisieren und zu limitieren. Ich verzichtete dabei auf schnelle Kommunikation und lernte wieder mehr E-Mail schätzen. Ich erschuf mir ein Arbeitsbereich in meiner Wohnung, um der Arbeit körperlich auf Abstand gehen zu können.

Grenzen setzten kostet Mut und funktioniert nur dann, wenn man vollkommen zu eigenen Einschränkungen stehen kann. Sich der Scham zu stellen und die Realität anzunehmen erfordert mehr Arbeit, als der größte Aktenstapel. Ich erfreue mich daran nach all den Jahren aufs Neue zu lernen meine Erkrankung miteinzubeziehen – wie einen Freund, nicht wie einen Feind. Weniger ist manchmal wirklich mehr.  Innerhalb der akzeptierten Grenzen kann man noch viel Gutes tun!

Aber ein Treffen am anderen Stadtende in zwei Stunden? Ich schaffe es nicht.

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