Wie ich „Ja!“ zu mir selbst gesagt habe

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Ich bin eine Rollstuhlfahrerin und seit fast vier Jahren ist die persönliche Assistenz die Grundlage meiner Freiheit und Selbstbestimmung. Seit vier Jahren habe ich die Möglichkeit zu verreisen, doch habe sie nicht genutzt – bis diesen besonderen Sommer.

Nur in Liebesbeziehungen ließ ich mich der Vorstellung an eine gemeinsame Auszeit verführen. Mit einem Partner wegzufahren schien mir deutlich einfacher zu sein, als Single – damals definierte ich mich als Frau über meine Beziehung. Meine damalige romantikgetriebene Motivation Urlaub zu machen war stark, doch verließ mich gleichzeitig mit dem Partner.

Nun war ich wieder Single und sah mich gezwungen die Pläne übers Bord zu werfen. Sich allein (bzw. zwangsläufig mit persönlicher Assistenz, doch ohne einen Partner) eine Auszeit gönnen? Das war keine Option. Dafür war ich emotional zu geizig. Traurigerweise war ich es mir selbst nicht wert – nicht wert des Aufwands aber auch nicht wert der Erholung. Pragmatisch und karg blieb ich mir treu.

Nun wiederholte sich die Geschichte. Es passierte dieses Jahr, genau wie damals – ich verliebte mich wieder und die Idee, zusammen zu verreisen begeisterte uns beide. Hamburg sollte es werden. Die romantikgetriebene Motivation verscheuchte die Frau, der die Planung einer Reise im Rollstuhl und mit Assistenz zu kompliziert war. Irgendwo zwischen barrierefreien Hotels recherchieren und Bahnverbindung buchen brach mir das Herz. Zusammen nach Hamburg fahren lag nicht mehr in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit.

Die Reiseplanung brach ich in der Ohnmacht ab. Die Wochen nach der Trennung verbrachte ich mit Nachdenken. Zwei Beziehungen, zwei geplante Reisen nach Norddeutschland, zwei Trennungen. Ist das ein Omen gewesen? – fragte ich mich. Wollte mir das Universum etwas mitteilen? – so weit ging meine Fragerei.

Die Situation wurde für mich mit der Zeit klarer. Die romantikgetriebene und pragmatische Teile meiner Selbst fingen an zu verhandeln. Sie konnten sich einigen.

Ich habe mich entscheiden den Urlaub nicht aufzugeben. Ich habe die Botschaft und darin die self-fulfilling prophecy verstanden.  Das Leben gab mir die Aufgabe, um mich ihr zu stellen. Ich muss nach Norden, allein.

Ich erkenne einen besonderen Wert im Anfang meiner baldigen Reise. Auf den Weg bis zu diesem Zeitpunkt habe ich viel Erfahrung und Stärke gesammelt. Ich habe Mut entwickelt, Feminismus gelebt und das wichtigste in dieser Geschichte – gelernt „Ja!“ zu mir selbst zu sagen.

Die Selbstliebe hat die romantischen und pragmatischen Teile meines Ichs vereinen können, ohne dass ich mich für nur eine der beiden entscheiden musste. Ich kann es an der Leichtigkeit feststellen, mit der ich den Urlaub meinen Bedürfnissen gerecht organisieren kann. Ich ließ das romantische und pragmatische Selbst gleichberechtigt sein dürfen und jetzt ergänzen sie sich, statt zu konkurrieren. Sie wirken harmonisch zusammen. Die Reise zu organisieren ist nicht mehr anstrengend.

Ich freue mich auf Hamburg und spüre die Neugier, was mich erwarten wird – das erste Mal in Urlaub, mit der Bahn, im Norden und im fremden Bett.

Choose life. With or without a man!

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